PDF/UA – Fluch oder Segen?

4 Sichtweisen, was der ISO-Stand für PDF-Barrierefreiheit bisher gebracht hat - Update zum Artikel aus der Schweizer Accessibility Studie 2016.
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PDF/UA-Momentaufnahme 2017

PDF ist aus unserer Alltagskommunikation nicht mehr wegzudenken. Doch auch für dieses Dateiformat gelten die Anforderungen an Barrierefreiheit, damit sie für Menschen mit Behinderungen voll zugänglich sind. Aber: Wann ist ein PDF tatsächlich barrierefrei? Legt das jeder für sich selbst fest oder gibt es hier verlässliche Regeln, deren Einhalten sich schnell und einfach überprüfen lässt?

Standards als Grundlage für einheitliches Qualitätsniveau

An dieser Stelle kommen internationale Standards und Richtlinien ins Spiel, die hier Klarheit und die Grundlage für ein einheitliches Qualitätsniveau schaffen. Für barrierefreie Webinhalte sind das die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2, die ja inzwischen ein ISO-Standard sind. Und auch für barrierefreies PDF gibt es einen ISO-Standard: ISO 14289-1:2012 oder kurz PDF/UA. UA steht für „universal access“.

PDF/UA als Qualitätsmerkmal wahrnehmen

Manchmal hört man jedoch: Ach, PDF/UA ist nur für Experten. Und zugegeben: als Word-Autor, der gelegentlich ein barrierefreies PDF erstellt, oder als Nutzer, der einfach nur auf PDF-Inhalte zugreifen möchte, muss man nicht jede PDF/UA-Anforderung kennen und verstanden haben. Es genügt, diesen Standard als Qualitätsmerkmal barrierefreier PDF-Dokumente wahrzunehmen.

PDF/UA zu erstellen, sollte so einfach sein, wie in Word ein Dokument zu verfassen. Und auch Menschen mit Sehbehinderungen sollten PDF/UA-Prüfungen durchführen können. Dies zu ermöglichen ist Aufgabe der Experten wie Entwickler und Dienstleister. Manche darunter nehmen den ISO-Standard als hinderlich wahr, andere haben ihn bereits frühzeitig aufgegriffen und bieten Lösungen an, die das Erstellen, Prüfen und Nutzen barrierefreier PDF-Dokumente erleichtern. Ist PDF/UA nun ein Segen oder ein Fluch? Wir wagen eine Bestandsaufnahme.

Kurze Einführung zu PDF/UA

PDF/UA als technische Basis für barrierefreies PDF

PDF als bewährtes Austauschformat ist längst keine proprietäre Entwicklung von Adobe mehr. Als offener Standard liegt es in der Hand der ISO, der International Organization for Standardization. Unter der Bezeichnung ISO 32000 ist festgelegt, was ein valides PDF enthalten darf. Bereits dort ist das Konzept einer unsichtbar hinterlegten Strukturebene (vergleichbar mit HTML-Tags bei einer Internetseite) beschrieben, die ein PDF zu einem PDF mit Tags machen. Darauf baut PDF/UA auf. Er ist die technische Basis für barrierefreies PDF. Als Komplementärstandard zu WCAG 2 legt er fest, welche PDF-Funktionalitäten aus der Spezifikation ISO 32000 für ein barrierefreies PDF verpflichtend sind. Deutschland (im Februar 2014) und USA (im März 2016) als 2 der grössten Märkte haben PDF/UA bereits als nationalen Standard übernommen.

Matterhorn-Protokoll = PDF/UA-Prüfmodell

Der Standard selbst wurde von dem PDF/UA Competence Center in ein Prüfmodell übersetzt, das den schönen Namen „Matterhorn-Protokoll“ trägt. Es dient als Grundlage für automatische Prüfprogramme wie beispielsweise den PDF Accessibility Checker (PAC) oder Vorgehensweisen bei der Sichtprüfung, die von einem Menschen durchgeführt werden muss.

Das Eidgenössische Departement des Innern empfiehlt in einem Tipp vom Oktober 2015 auf PDF/UA und PAC beim Erstellen barrierefreier PDF-Dokumente zu setzen.

4 Sichtweisen

Ob PDF/UA das Leben erleichtert oder das Erstellen, Prüfen und Nutzen erschwert, betrachten wir aus folgenden 4 Perspektiven:

  1. Informationsanbieter (Behörden, Firmen etc.), welche die Barrierefreiheit ihrer PDF-Dokumente sicherstellen müssen oder wollen
  2. Dienstleister, die barrierefreie PDF-Dokumente erstellen
  3. Softwareentwickler, die Programme entwickeln zum Erstellen, Prüfen und Nutzen barrierefreier PDFs
  4. Wir alle, die barrierefreie PDF-Dokumente nutzen wollen

1. Informationsanbieter

Für Informationsanbieter, die oft als Auftraggeber handeln, vereinfacht der Verweis auf den ISO-Standard PDF/UA das Verfassen von Ausschreibungen und das Vergleichen von Angeboten.

Das Gegenprüfen war bisher aufwändig, da es das Standard-Werkzeug hierfür nur mit englischer Benutzeroberfläche gab. Mit dem kostenlosen PDF Accessibility Checker (PAC) 3 steht das weltweit eingesetzte PDF/UA-Prüfwerkzeug nun in einer deutschen Version zur Verfügung. Auch Nicht-Experten haben damit die Möglichkeit, sich schnell ein Bild über die PDF/UA-Konformität eines Dokumentes zu machen. Ein barrierefreier, ausdruckbarer Bericht dient als Qualitätsnachweis. Die barrierefreie Benutzeroberfläche ermöglicht es auch Screenreader-Nutzern, einen automatischen PDF/UA gemäss des Matterhorn-Protokolls durchzuführen.

2. Dienstleister

Seit PDF/UA sind Dienstleister Kunden gegenüber auf der sicheren Seite, wenn es um ein transparentes und überprüfbares Leistungsversprechen beim Erstellen barrierefreier PDF-Dokumente geht. Wenn hier ein Fluch vorhanden ist, dann liegt dieser auf Seiten der – liebevoll genannten – Mainstream-Programme wie Microsoft Word oder Adobe Acrobat und InDesign. Diese weisen deutliche Grenzen auf im effizienten Erstellen PDF/UA-konformer Dokumente. Ohne teilweise aufwändige Nacharbeiten geht es nicht.

Für effiziente Workflows sind Zusatzprogramme notwendig. Beispiele sind hier die Add-Ins „axesPDF for Word“ (für Word) oder „axaio MadeToTag“ (für InDesign). Oder das professionelle Prüf- und Korrektur-Werkzeug „axesPDF QuickFix“ mit dessen Hilfe sich PDF/UA-Probleme schnell finden und oft auf Knopfdruck beheben lassen.

3. Softwareentwickler

Der ISO-Standard PDF/UA macht es Entwicklern aufgrund klar formulierter Richtlinien und der Vorgaben aus dem Developer Guide leicht, solide PDF-Barrierefreiheit in ihre Anwendungen zu implementieren. Zusätzlich bietet sich Potenzial für weitere Assistive Technologien für einen breiten Nutzerkreis wie zum Beispiel barrierefreie Mobile PDF Reader.

Der Fluch könnte in dem Zusatzaufwand liegen, da teilweise grundlegende Änderungen an vorhandenen Softwarearchitekturen notwendig sind oder verfügbare Schnittstellen und Frameworks von Drittanbietern nur unzureichend die PDF-Strukturebene unterstützen.

4. Nutzer

Für Nutzer sind PDF/UA-konforme Dokumente ein besonderer Segen, da sie von einem gleichbleibend hohen Niveau an Zugänglichkeit ausgehen können und barrierefreie PDF-Dokumente in gleicherweise nutzen können wie barrierefreies HTML – beispielsweise:

  • Mit einer Sprachausgabe (zum Beispiel mit einem Screenreader wie dem kostenlosen NVDA)
  • In einem verlässlichen Kontrastmodus (zum Beispiel mit dem kostenlosen VIP PDF-Reader)
  • In einer Umfliessenansicht, die auch ein PDF auf Smartphone-Bildschirmen bequem lesbar macht

Die Nutzung von PDFs auf Kleinstbildschirmen wird richtig komfortabel, oder anders gesagt, könnte richtig komfortable sein. Bisher gibt es hier nur Prototypen. Das ist der momentane Fluch. Ausserdem liegen die meisten publizierten Dokumente nicht PDF/UA-konform vor und einige Assistive Technologien schöpfen das volle Potenzial von PDF/UA noch nicht aus – beispielsweise iOS und VoiceOver, ebenso Android und Talkback.

Fazit: Sich regen bringt Segen

Kein Standard ist perfekt und ein Standard ist nur so gut wie die Software, die ihn unterstützt – sei es beim Erstellen, Prüfen oder Nutzen barrierefreier PDF-Dokumente. PDF/UA hat sich hier bereits als ein wesentlicher Motor für mehr barrierefreie PDFs erwiesen. Jetzt sind besonders die Informationsanbieter an der Reihe, dies auch konsequent anzuwenden und umzusetzen.

Nützliche Links

Zu den Autoren

Die Erstversion dieses Artikels wurde von Roberto Bianchetti (access1) und Markus Erle (Wertewerk) für die lesenswerte Schweizer Accessibility Studie 2016 geschrieben, die von der Stiftung „Zugang für alle“ herausgegeben wird. Für dieses Update wurden einige Informationen aktualisert, besonders die Links.

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